Gedichte von Hedwig Lachmann
Unterwegs
Ich wandre in der grossen Stadt. Ein trüber
Herbstnebelschleier flattert um die Zinnen,
Das Tagwerk schwirrt und braust vor meinen Sinnen,
Und tausend Menschen gehn an mir vorüber.
Ich kenn sie nicht. Wer sind die Vielen? Tragen
Sie in der Brust ein Los wie meins? Und blutet
Ihr Herz vielleicht, von mir so unvermutet,
Als ihnen fremd ist meines Herzens Schlagen?
Der Nebel tropft. Wir alle wandern, wandern.
Von dir zu mir erhellt kein Blitz die Tiefen.
Und wenn wir uns das Wort entgegenriefen –
Es stirbt im Wind und keiner weiß vom andern.
Getrenntes Los
Er saß nach langer Zeit bei ihr zu Gast.
Schweigsam. Die beiden waren ehmals Gatten.
Aus längst Erlebtem schoben sich verblasst
Herüber die zurückgedrängten Schatten.
Er saß und sann: Ich habe sie gekränkt,
Als uns noch Eide aneinander banden.
Sie sprach in sich hinein: Kaum noch gedenkt
Mein Herz der Qualen, die es ausgestanden.
Sie liebte mich. Gewiss hat sie verschmerzt,
Dass neues Schicksal unsre Bahnen störte. –
– Ich habe alles in mir ausgemerzt
Bis auf mein eignes Selbst, das ihm gehörte. –
Noch immer ist sie meinem Herzen wert.
Zeitlebens dank ich ihrem Edelmute. –
– An meines Lebens fernstem Punkt verjährt
Doch nimmer der Verrat an meinem Blute.
Spaziergang
Die Sonne steht schon tief. Wir scheiden bald.
Leis sprüht der Regen. Horch! Die Meise klagt.
Wie dunkel und verschwiegen ist der Wald!
Du hast das tiefste Wort mir nicht gesagt. –
Zwei helle Birken an der Waldeswand.
Ein Spinngewebe zwischen beiden, sieh!
Wie ist es zart von Stamm zu Stamm gespannt!
Was uns zu tiefst bewegt, wir sagen's nie. –
Fühlst du den Hauch? Ein Zittern auf dem Grund
Des Sees. Die glatte Oberfläche bebt.
Wie Schatten weht es auch um unsern Mund –
Wir haben wahrhaft nur im Traum gelebt. –
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